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Am 01. Juli 1980 wurden
die Fleischpreise in Polen drastisch
erhöht. Als Reaktion darauf streikte die
Bevölkerung, anfangs nur in wenigen
lokalen Gebieten, schließlich im ganzen
Land.
Der zweite große Streik in dieser Zeit
wurde durch die Entlassung von Anna
Walentynowicz ausgelöst. Anna arbeitete
als Kranführerin auf der Lenin-Werft in
Danzig und war eine Ikone der
Streikbewegung, die 1970 an der Küste
entstanden war. Hier trat auch erst mal
Lech Walesa in Erscheinung. Er arbeitete
als Elektriker in der Lenin-Werft, wurde
aber bereits 1976 wegen seiner
Beteiligung an einer Protestbewegung
entlassen.
Lech Walesa leitete das
Streikkomitee, das mit der
Betriebsleitung der Werft verhandeln
sollte. Obwohl die Verhandlungen
zunächst positiv verliefen, beschlossen
die Streikführer ein Zeichen zu setzen,
weiter zu streiken, um nicht das
Schicksal der früheren Streikbewegungen
zu teilen, die letztendlich meist
wirkungslos verpufft waren.
Nach Gründung des „Überbetrieblichen
Streikkomitees“ am 17. August 1980
wurden 21 Forderungen erarbeitet.
Unter anderem wurde das Recht auf die
Bildung unabhängiger Gewerkschaften, die
Radioübertragung katholischer Messen,
eine verminderte Zensur und die
Freilassung politischer Dissidenten
gefordert.
Das „Überbetriebliche Streikkomitee“
sollte auch nach Beendigung der Streiks
die Einhaltung der Forderungen
überwachen und verhindern
Am 31. August 1980 wurde nach
langen und zähen Verhandlungen das
Danziger Abkommen besiegelt, in dem die
Forderungen verifiziert wurden. Dies war
ein großer Schritt für ein
kommunistisches Land. Die Regierung von
Edward Gierek trat zurück
Lech Walesa wurde zum Vorsitzenden
der Solidarnosc ernannt. Bis zum
Ende des Jahres 1981 machten sich zwei
gegensätzliche Tendenzen innerhalb der
Gewerkschaft bemerkbar. Wahrend Walesa
zum pragmatischen, gemäßigteren Teil
gehörte, entwickelte sich um Jan
Rulewski und Andrzej Gwiazda radikalere
national-konservative Bewegung.
Der Arbeiterführer Lech Wales wurde in
kürzester Zeit außerordentlich bekannt.
Durch seine Beliebtheit gelang es ihm,
auf dem Land eine Solidarnosc-Bewegung
zu etablieren und damit eine Koalition
zwischen Arbeitern und Bauern zu
gründen.
Die Mitgliederzahl der Solidarnosc
stieg in kurzer Zeit auf über 10
Millionen an.
Im März 1981 kam es im Zusammenhang mit
einem Manöver der Truppen des Warschauer
Paktes zu einem brutalen Übergriff auf
Mitglieder der Solidarnosc. In Bromberg
werden Delegierte der Solidarnosc unter
der Führung von Jan Rulewski von der
Polizei zusammengeschlagen.
Als Reaktion darauf streikten im ganzen
Land über 13 Millionen Arbeiter für vier
Stunden. Dieser organisierte Protest ist
der größte in der Geschichte der
Ostblockstaaten.
General Jaruzelski, der im
Oktober zum Regierungschef gewählt
wurde, rief im Dezember 1981 den
Kriegszustand. Daraufhin kam es zum
sofortigen Verbot der Gewerkschaft und
zur Gefangennahme ihrer Führer. Nachdem
im Oktober 1982 die Gewerkschaft durch
ein neues Gesetz endgültig verboten
wurde, begannen für die Solidarnosc
unter der Führung von Lech Walesa Jahre
der politischen Arbeit im Untergrund und
im Exil.
Hier erfuhr Walesa 1983 auch, dass ihm
der Friedensnobelpreis verliehen wurde.
Trotz der Illegalität, in der er
operierte, wurde seine Beliebtheit
dadurch nochmals enorm vergrößert.
Erst als sich im August 1988
die Wende anbahnte kam es zu einer
Kontaktaufnahme zwischen kommunistischer
Führung und Solidarnosc. Eine neue
Streikwelle bahnte sich an und die
Regierung bat Walesa um Intervention. Er
ließ die Streiks daraufhin beenden.
Die entscheidenden Gespräche
und Lösungen für den Wechsel vom
Kommunismus zur Demokratie fanden 1989
am „Runden Tisch“ statt. Dort trafen
sich die Vertreter der bisherigen
kommunistischen Führung, der
Solidarnosc, der katholischen Kirche und
anderer gesellschaftlich relevanten
Gruppen. Ergebnis der Gespräche waren
die halbfreien Wahlen, die die
Gewerkschaft mit überragender Mehrheit
gewann. Die Sitzverteilung war bereits
im Vorfeld am runden Tisch festgelegt
worden. Danach standen den
kommunistischen Parteien und
Organisationen insgesamt 65% der Sitze
zu. Die restlichen 35% wurden an die
Opposition verteilt. Der „Runde Tisch“
steht heute im Präsidentenpalais.
1990 wurde Lech Walesa schließlich
zum Staatspräsidenten gewählt.
Als 1993 die Parlamentswahlen in Polen
stattfanden, endete die
Regierungsbeteiligung der Gewerkschaft.
1996 gründete sich auf Initiative der
Solidarnosc und anderer Parteien das
Wahlbündnis AWS (Akcja Wyborcza
„Solidarność”), in dem sich
nationalliberale und –konservative sowie
christlich-demokratische Strömungen
vereinten. Das Bündnis wurde 1997 als
stärkste Partei gewählt und war bis 2000
an der Regierung beteiligt. Durch die
innenpolitischen Reformen in Polen, den
Beitritt zur Nato und die Annäherung an
die EU zersplitterte die AWS und begann
sich aufzulösen. Bei den Wahlen von 2001
verlor sie sämtliche Regierungssitze und
ist seither nur noch regional aktiv.
Als Sündenbock verlor Solidarnosc nach
der Wende an politischem Ansehen und
Einfluss. In der Parteipolitik spielt
sie heute keine Rolle mehr, behauptet
sich aber nach wie vor als starke und
freie Gewerkschaft weiter.
Trotz allem lebt die Solidarnosc
in der Politik noch weiter. Eine
Vielzahl der Politiker, die sich seit
1989 in der Regierung engagiert haben,
stammt ursprünglich aus der
Arbeiterbewegung und dem Wahlbündnis.
Der ehemalige Regierungschef Jerzy Buzek,
der 2009 als erster Osteuropäer
zum Parlamentspräsident des
Europa-Parlaments gewählt wurde, war
jahrelang ein engagierter Mitstreiter
von Lech Walesa. Bogdan Borusewicz und
seine Frau Alina Pieńkowska waren nach
ihrer Zeit als Gewerkschafts-Aktivisten
in der Politik aktiv und wurden in den
Senat gewählt. Bogdan Borusewicz ist
seit 2005 Präsident des polnischen
Senats. Tadeusz Mazowiecki war seit 1980
als Berater und Publizist in der
Solidarnosc aktiv und stand Walesa bei
den Gesprächen am „Runden Tisch“ zur
Seite.
Die Solidarnosc hat zusammen mit
Glasnost und Perestroika Großes nicht
nur in Polen bewirkt. Polen löste
sich als erstes Land aus dem sowjetisch
dominierten Ostblock – andere Nationen
folgten.
Durch den politischen und auch
wirtschaftlichen Wandel kam es zu
enormen Umwälzungen und Veränderungen in
Polen. Soziale und politische Strukturen
wurden reformiert und neu wieder
aufgebaut. Dies betraf in großem Maß das
Bildungssystem sowie Gesundheits- und
Sozialwesen.
Die politische und wirtschaftliche
Neuorientierung brachte einen tief
greifenden Strukturwandel und
Veränderungen des gesamten
gesellschaftlichen Lebens mit sich. Die
Verwaltung, das Bildungs-, Gesundheits-
und Sozialwesen wurden reformiert und
die Arbeitsverwaltung aufgebaut.
Der Umbruch in Polen ist noch
nicht beendet. Obwohl das Land sich
nahezu aus eigener Kraft umstrukturiert
hat, liegt das Wirtschaftswachstum über
dem EU-Durchschnitt und der Standard der
polnischen Metropolen wie Warschau,
Danzig oder Krakau hat sich schon
beinahe komplett dem westeuropäischen
Niveau angenähert.
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