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Der Vorteil des polnischen Schulsystems besteht hier eindeutig in der
Länge der Orientierungsstufe und in der späten Festlegung auf einen
Bildungsweg. Nachweislich kommt es in Deutschland zu häufigen
Fehleinschätzungen, da die Kinder bereits mit ca. zehn Jahren auf eine
Schullaufbahn festgelegt werden sollen. Der Beginn der Pubertät
verfälscht oft das Leistungsniveau und führt oft zu Schulwechseln bei
den deutschen Schülern. In Polen wird dieser Zeitpunkt durch die
Einheit des Schulsystems weit nach hinten verlegt. Im Alter von ca. 15
Jahren ist die Pubertät zwar immer noch sehr präsent, aber die Schüler
sind in der Lage, eine Selbsteinschätzung zu treffen und sie können
begreifen, dass Einsatz erforderlich ist, will man bestimmte Ziele
erreichen.
Nach der Grundschule besuchen polnische Schüler für drei Jahre das
Gymnasium. Trotz der gleichen Begrifflichkeit ist diese Schulform
nicht mit dem deutschen Gymnasium vergleichbar. In Polen entspricht
diese Schulform, die für alle Schüler verpflichtend ist, in etwa der
deutschen Sekundarstufe 1. Das polnische Gymnasium ist also eine
Orientierungsstufe, die ebenfalls mit einem Abschlusszeugnis endet und
in der sich die Schüler in drei Schuljahren über ihren weiteren
Bildungsweg klar werden können. In Deutschland haben die Schüler je
nach Bundesland und individueller Einschätzung durch die Lehrer eine
Vielzahl von verschiedenen Möglichkeiten. Möglich sind nun der Wechsel
auf die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium mit jeweils
unterschiedlichen Abschlüssen und Laufzeiten.
In den drei Jahren, die polnische Schüler auf dem Gymnasium
verbringen, haben deutsche Schüler schon oft einen Schulwechsel hinter
sich. In Deutschland wird die Zeit der Orientierung auf die
verschiedenen Schulformen verteilt, was zu völlig unterschiedlichen
Bildungsniveaus führt und eine wirkliche Orientierung erschwert.
Polnische Schüler haben nach Abschluss des Gymnasiums, also der
polnischen Orientierungsstufe, die Auswahl zwischen drei
weiterführenden Schulformen:
• Das Lyzeum mit einer Dauer von drei Jahren (Abitur)
• Die technische Oberschule mit einer Dauer von vier Jahren
(Berufsausbildung mit Abitur)
• Die Berufsschule mit einer Dauer von zwei Jahren
Lyzeum und technische Oberschule schließen mit dem
Hochschulreifezeugnis, der Matura, ab und qualifizieren für ein
Studium an der Universität. Um diese Schulen besuchen zu können,
müssen die Schüler am Ende des Gymnasiums eine bestimmte
Mindestpunktzahl im Abschlusstest erreichen. Die Berufsschule ist
praxisorientiert und bereitet auf einen später ausgeübten Beruf vor.
Im Gegensatz dazu gibt es in Deutschland viele unterschiedliche
Möglichkeiten. Besuchen deutsche Schüler die Hauptschule, schließen
sie nach der 9. Klasse mit dem Qualifizierten Hauptschulabschluss ab.
Sie können anschließend versuchen, in einer besonderen 10. Klasse die
Mittlere Reife, den nächsthöheren Bildungsabschluss zu erlangen.
Realschüler beenden die Schule nach der 10. Jahrgangsstufe mit der
mittleren Reife und haben dann die Möglichkeit, eine Fachoberschule zu
besuchen, um die Fachhochschulreife zu erwerben.
Gymnasiasten
schließen die Schule nach dem 13. Schuljahr mit dem Abitur und der
allgemeinen Hochschulreife ab. Länderspezifisch gibt es noch
verschiedene Sonderformen wie zum Beispiel Wirtschaftsschulen,
Maschinenbauschulen und Gesamtschulen.
Im Gegensatz zu Polen findet in Deutschland durch die
Dezentralisierung und die vielen verschiedenen Schulformen eine
Selektion statt, die sich insgesamt eher negativ auf das Bildungsniveau der
deutschen Schüler auswirkt. Hinzu kommen deutliche Niveau-Unterschiede
zwischen den einzelnen Bundesländern, die sich auch in
Abschlussprüfungen unterschiedlichen Inhalts und unterschiedlicher
Schwierigkeitsgrade wiederspiegelt.
Nach den jeweiligen Abschlüssen können Schüler in beiden Ländern ein
Studium beginnen. In Polen gibt es die Möglichkeit, nach Erlangung der
Matura, die dem deutschen Abitur entspricht, entweder eine der
staatlichen oder privaten Universitäten oder Fachhochschulen zu
besuchen.
Beliebt ist in Polen auch die Durchführung eines
Fernstudiums, das für viele Studiengänge angeboten wird. Fast die
Hälfte aller polnischen Studenten absolvieren ihr Studium als
Fernstudium. Wie auch in Deutschland, besteht das Jahr aus zwei
Semestern, das Studentenleben in Polen ist recht straff gegliedert und
ähnelt eher einem Schulbesuch. Seit der Bildungs-Reform im Jahr 1990
gibt es eine dreiteilige Gliederung des Studiums. Die Universitäten
bieten drei- und vierjährige Studiengänge an, die mit dem Bachelor
abschließen und durch einen zweijährigen Master-Studiengang ergänzt
werden können. Daran angeschlossen kann ein Promotionsstudiengang
werden, der zum Doktortitel führt.
Die polnischen Fachhochschulen enden mit den Abschlüssen "Licencjat"
oder "Inźynier".
Seit 2005, das Jahr in dem in Polen das reformierte Abitur eingeführt
wurde, werden die Studienplätze in Polen nicht mehr mittels
Aufnahmeprüfung, sondern anhand der im Abitur erreichten Punkte
vergeben. Dieses Verfahren entspricht der Vergabe nach Numerus Clausus
in Deutschland.
In Deutschland sind die Möglichkeiten nach dem Abitur ähnlich
aufgebaut. Allerdings sind Schüler, die mit der Fachhochschulreife
abschließen, nicht berechtigt an der Universität zu studieren. Sie
können einen der praxisorientierten Studiengänge an einer
Fachhochschule wählen. Deutschland befindet sich im Moment in der
Endphase der Umstellung von Diplom-Studiengängen zu den international
anerkannten Bachelor- und Master-Studiengängen. Auch in Deutschland
ist nach Abschluss des Hochschulstudiums ein postgraduales Studium
möglich, in dem promoviert und der Doktortitel erreich wird.
Neben dem regulären Werdegang gibt es sowohl in Deutschland als auch
in Polen noch Sonderformen von Schulen.
In Polen spielen nichtstaatliche Schulen schon immer eine große Rolle.
Diese Schulformen werden meist von Vereinen, Stiftungen,
Elternverbänden oder konfessionellen Organisationen getragen und sind
kostenpflichtig, was gleichzeitig bedeutet, dass diese Schulen meist
nur von Kindern wohlhabender Eltern besucht werden. Weitere
Schulformen sind Förderschulen für behinderte Kinder und Sonderformen,
wie zum Beispiel Sportschulen.
In Deutschland gibt es ebenfalls eine Vielzahl von alternativen
Schulformen, Förderschulen für Behinderte, freie Schulen mit
alternativen Lernansätzen und im Sekundarbereich spezifische Schulen,
wie zum Beispiel Sportschulen, Musikschulen oder technische Schulen. |